Nikon EM
Mit dem elegant wirkenden Gehäuse im Softline-Design - nur 460 Gramm leicht und kompakt wie eine AF-Sucherkamera - gab der italienische Star-Designer Giorgetto Giugiaro sein Debüt bei Nikon. Und um gleich das Vorurteil der ''Plastikbüchse'' auszuräumen: nur die Gehäuseoberkappe, die Bodenplatte und die Bajonettabdeckung bestehen bei der Nikon EM aus Kunststoff.

Das innere Grundgehäuse selbst ist wie bei den anderen SLR-Kameras von Nikon aus Aluminium-Druckguß. Ein Blick in den Sucher zeigt die fest eingebaute Einstellscheibe Typ K und die von der Nikkormat EL und FE bekannte Verschlußzeitenskala. Auf eine Blendenanzeige im Sucher wurde aus Kostengründen verzichtet. Beim Überschreiten der kürzesten Verschlußzeit von 1/1000 Sek. und einer Unterschreitung der Verwacklungsgrenze von 1/30 Sek. warnte die Nikon EM durch ein dezentes aber energisches Piepsen.

Neu für Nikon war das eckige Okular, neben dem mit einer blauen Taste die Batteriespannung überprüft werden kann. Im Drehgelenk des Schnellschalthebels sind der Auslöser und der Betriebsarten-Wählschalter mit seinen drei Raststellungen angeordnet - ''Auto'' für Zeitautomatik, M 90 für die mechanisch gesteuerte Synchronzeit von 1/90 Sek. nd B für Langzeitbelichtungen ohne Stromverbrauch.

Mit der Nikon EM führte Nikon außerdem erstmals eine Vorrichtung ein, die heute noch angewandt wird: die Belichtungsautomatik wird erst dann eingeschaltet, wenn das Bildzählwerk auf ''1'' steht. Vorher wird mit einer feststehenden Verschlußzeit gearbeitet, sprich ausgelöst. Durch diese Funktion soll vermieden werden, daß in Automatik-Stellung unbeabsichtigt eine zu lange Zeit gebildet wird, die bei den Leerauslösungen den Transport des Films bis zum ersten Bild unnötig in die Länge zieht.

Nach Antippen des Auslösers bleibt die Belichtungsmessung für etwa 20 Sek. aktiviert. Auf der gegenüberliegenden Seite des Prismas ist die Filmempfindlichkeits-Einstellung angeordnet, die den Bereich von ISO 25/15° bis 1600/33° bietet. Darunter liegt die Taste für die Gegenlichtkorrektur, die das Meßergebnis der Automatik um 2 Blendenstufen verlängert, denn auf einen Meßwertspeicher hat man leider verzichtet.

Damit sind eigentlich alle Bedienungselemente der Nikon EM aufgezählt, bleibt noch der Selbstauslöser mit der üblichen Vorlaufzeit. Dazu ein Praxistip: um bei Langzeitaufnahmen die Erschütterung durch den hochklappenden Spiegel zu eliminieren, sollte generell vom Selbstauslöser Gebrauch gemacht werden. Dabei wird nach dem Auslösen nämlich zunächst der Spiegel hochgeklappt, erst dann beginnt die Vorlaufzeit.

Offiziell gibt Nikon für den Langzeitbereich der Nikon EM einen Grenzwert von einer Sekunde an, in der Praxis waren jedoch ohne Probleme sogar bis zu fünf Minuten zu erzielen. Der zwangsläufig dabei einsetzende Schwarzschild-Effekt muß selbstverständlich berücksichtigt und durch Verändern der Filmempfindlichkeit kompensiert werden.

Die Belichtungsmessung erfolgt durch eine SPD-Zelle, die über dem Okular angebracht ist. Die Messung ist mittenbetont orientiert, jedoch nicht so ausgeprägt wie bei der FE oder F2. Bei der Nikon EM wird der innere 12 mm messende Mattscheibenkreis zu 40%, das Umfeld zu 60% gewertet - traditionell ist es bei Nikon immer genau umgekehrt gewesen.

Der vertikal ablaufende Seiko-Metallschlitzverschluß gab nie zu Klagen Anlaß, auch wenn er über den Motorantrieb MD-14 auf über 3 B/Sek. beschleunigt wurde. Die Motorantriebe MD-E und MD-14 werden durch den Kameraauslöser betätigt. Besonders der MD-E paßt optimal zur EM, mit ihm liegt die Kamera noch besser in der Hand.

Neben dem MD-E gibt es auch ein System-Blitzgerät, das SB-E. In Verbindung mit der Nikon EM und einem Ai- bzw. Serie E-Objektiv verfügt es über drei Computerblenden, die direkt am Objektiv eingestellt werden können. Wird eine andere als eine der drei möglichen Blenden eingestellt, beginnt die Blitzbereitschaftslampe im Sucher zu blinken. Selbstverständlich wird vom SB-E auch die Synchronzeit automatisch auf 1/90 Sek. umgestellt.

Neben dem Normalobjektiv 1,8/50 mm E standen von Anfang an das Weitwinkel 2,5/35 mm E und das Porträt-Tele 2,8/100 mm E zur Verfügung. Nein - sie bestehen nicht aus Kunststofflinsen, und sie wurden auch nicht in Korea oder Taiwan, sondern von Nikon selbst gefertigt. Lediglich die Fassung und der Schneckengang bestehen aus Kunststoff, und bei den Festbrennweiten hat man auf die aufwendige und damit teure Mehrschichten-Vergütung verzichtet. Der gehäuseseitige Ai-Blendenmitnehmer am Kamerabajonett ist bei der Nikon EM nicht abklappbar. Dadurch führt das gewaltsame Ansetzen eines Objektivs ohne Ai zur Beschädigung des Blendenmitnehmers.


Später ergänzte Nikon die Serie E noch durch ein 2,8/135 mm E, ein 2,8/28 mm E und drei Zooms mit den Brennweitenbereichen 3,5/36-72 mm E, 3,5/75-150 mm E und 4,0/70-210 mm E. Doch so sehr sich Nikon auch um Aufklärungsarbeit bemühte - das minderwertige Image wurden diese Objektive nie ganz los, so daß man diese Objektivreihe später auslaufen ließ und dazu überging, verschiedene preiswerte Objektive in die Nikkor-Serie zu integrieren.

Wer über die vermeintlich bescheiden ausgestattete Nikon EM herablassend die Nase rümpft, bedenkt nicht, daß aus heutiger Sicht betrachtet Nikons Schritt in den Massenmarkt genau richtig war. Nur durch diese Maßnahme konnte das Unternehmen die wirtschaftliche Grundlage dafür schaffen, die Entwicklung einer F5 oder Nikonos RS überhaupt zu finanzieren.